Als nächstes musste ich auf genug Schnee hoffen – auch diese Hoffnung wurde, zumindest Ende Januar, belohnt. Nun durfte man ab und zu zuhause auf den Lawinenlagebericht gucken – aber der verhieß gar nichts Gutes. Zwischenzeitlich hatte auch im Ötztal der Frühling angeklopft mit satten Plus-Graden im Tal und Regen bis 2800 m Höhe. Ach Du liebe Zeit: Unten kein Schnee und oben Lawinenwarnstufe 3. Na super! Also Alpinisten brauchen wirklich starke Nerven. Wenigstens das Wetter war super. Voller Sonnenschein die ganze Woche und kein Wind. Mit dem sicheren Gefühl: „Irgendwas wird schon gehen bei den Bedingungen“, fuhr ich schon drei Tage früher ins Ötztal, um mein skifahrerisches Abfahrtskönnen vor der Tour noch ein wenig aufzupolieren. In den letzten Jahren hatte mir das Hochlaufen deutlich mehr Spaß gemacht als das Runterfahren.
Bei schönstem Sonnenschein wartete ich nun am Parkplatz in Gries auf den DAV-Sektions-Bus, um gemeinsam mit der Gruppe den Aufstieg zur Amberger Hütte vorzunehmen. Bei bester Laune und schwerbepackt zogen wird los. Anne, top motiviert, zog schon mit angezogenem Hochtourengurt los (aber nur weil der nicht mehr in den Rucksack passte, obwohl sie versicherte, dass da kein Föhn und auch kein Bügeleisen drin war). Die Laune wurde kaum getrübt, als ich schon während des Aufstiegs merkte, dass sich die erste Blase an der Ferse bildete. Ach herrje, ich bin ja Blasen gewohnt, aber so früh? Alpinisten brauchen manchmal starke Nerven. Aus leidvoller Erfahrung ist immer ein guter Vorrat an Blasenpflastern und Tape im Erste Hilfe-Set. Darüber freuen sich meisten auch noch andere während der Tour. Und genauso war es auch diesmal wieder.
Das erste Ziel der Tour war der 3275 m hohe Schrankarkopf, 1200 Hm und mit Gletscherausrüstung ging es über den Schwarzenbergferner. Eine traumhafte Tagestour, bei der wir sogar im oberen Bereich noch unverspurte Abfahrtslinien im Firn genießen durften. Wieder zurück auf der Hütte ging der Genuss weiter: Mit einem kühlen Getränk auf der herrlichen Sonnenterrasse. Das gesamte Team der Amberger Hütte war superfreundlich trotz des Stresses, da so viele durstige Kehlen zu versorgen waren, und so hatte jeder Verständnis, wenn man mal ein Weilchen auf sein Getränk warten musste. Alpinisten haben ja starke Nerven. Beim Abendessen wurden die Nerven mal geschont, da wir vom Vorabend schon wussten, dass es genug zu essen gab, sogar für Mats und Julius, die 17 und 25 Jahre alten Söhne von Ralf und Karsten. Wer selbst Jungs in diesem Alter hat oder hatte, weiß, was für unvorstellbare Mengen an Essen junge Kerle verdrücken können. Und wenn das Essen dann auch noch so lecker ist – ein Traum.
Die 2. Nacht auf der Hütte wurde ein wenig kühler, für manche auch zu kühl, da das Belüftungskonzept der ersten Nacht im Lager nicht von allen Gruppenmitgliedern als zufriedenstellend bewertet wurde. Ja. Genau. Alpinisten brauchen manchmal….
Das Ziel des 2. Tages war der 3297 m hohe Windacher Daunkogel (Skigipfel), wieder mit Gletscherausrüstung über den Sulzenauferner und den Wilde Leck Ferner und am Schluss mit herrlichem Rundumblick über die Ötztaler Alpen, ins Söldener Skigebiet und auf die majestätisch thronende Hochstubaihütte. Erneut bei bestem Wetter und überraschend guten Schneeverhältnissen durften wir wieder die Abfahrt zurück zur Hütte genießen.
Da wir nun die Schneeverhältnisse vor Ort schon ein wenig einschätzen konnten, der Lawinenlagebericht sich nicht verschlechterte und Alex auch die Erfahrung der Wirtsleute und Bergführer einholte, die die Tour schon gegangen waren, entschieden wir uns als 3. Tagesziel für den 3225 m hohen Hinteren Daunkopf.
Wir waren mittlerweile gut eingelaufen und zügig unterwegs, nicht allein, weil wir von den kraftstrotzenden Jungs Mats und Julius ein wenig gezogen wurden, auch weil Katrins Füße am Morgen noch mit viel Liebe und mehreren Blasenpflastern versorgt wurden, sodass insbesondere Katrin lieber noch einen kleinen Zusatzgipfel unter die Ski nehmen wollte, anstatt schon vor 14 Uhr wieder zurück zur Sonnenterrasse der Hütte zu fahren. Damit hatte sie ja recht, also musste mein Weißbier noch ein bisschen warten. Ja, ja. Alpinisten brauchen manchmal starke Nerven. Und, ja, der Inserkogel (2905 m), als Bonusgipfel hat sich gelohnt, auch wenn Ralf und ich kurz unterhalb des Gipfels von einem kleinen Motivationstief eingeholt wurden, welches von Alex und Katrin aber charmant ignoriert wurde.
Der letzte Abend wird von den Aschaffenburgern ja üblicherweise ein wenig ausgiebiger gefeiert – und Grund genug zu feiern hatten wir allemal. Eine top Woche ging zu Ende: Eine super Gemeinschaft von zwei Generationen Tourenskifahrern, absolut souveräne und sichere Führung von Alex, der uns auch immer wieder Anteil an seinen Entscheidungen haben ließ, großartige Gipfel, herrliches Wetter, überraschend gute Verhältnisse, keine Verletzungen (die Blasen zählen nicht), super Essen, herzliche Wirtsleute. Das sind genau die Gründe, warum ich Skitouren so liebe. Und zu guter Letzt, die Aussicht auf einen weiteren kurzen Skitourentag am Abreisetag.
Um nicht zu spät die Heimreise anzutreten, entschieden wir uns für einen frühen Start zu unserem letzten Gipfel, der 3189 m hohen Kuhscheibe, die wir ohne das ganze Gebimsel am Gurt besteigen konnten. Genau wie die letzten Tage war wieder voller Sonnenschein, nur wegen des frühen Starts dauerte es ein wenig länger, bis die eisigen Temperaturen von den Sonnenstrahlen vertrieben wurden. Ohne Frieren keine richte Skitourenwoche und so sorgte der letzte Tag nochmal dafür, dass jetzt wirklich alles geboten wurde, was man auf einer Skihochtour erwarten darf, einschließlich kalter Finger und Füße. Ihr wisst ja, Alpinisten brauchen immer starke Nerven!
Was für eine Traumwoche. Danke an alle und ein ganz besonderer Dank an Dich, Alex.
Bericht von Tobias Füssel